Das Zielwinkelverfahren

 

Beim Zielwinkelverfahren wird der Grad der Zielerreichung bei Jugendhilfemaßnahmen aus verschiedenen Blick­winkeln eingeschätzt, und zwar von den Kindern oder Jugendlichen, den Eltern, dem Kosten- und dem Maßnahme­träger. Dies soll für eine größtmögliche Objektivität sorgen. Im Einzelfall sind nur qualitative Aussagen möglich, differierende Einschätzungen werden entsprechend beschrieben. Fasst man aber eine genügend große Anzahl von Fällen zusammen, kann ein Gesamtdurchschnitt gebildet werden, der Zielwinkel (ZW). Dieser Wert entspricht dann einer Zielerreichungsquote, wenn die Mittelwerte der beteiligten Gruppen nicht statistisch signifikant voneinander abweichen (einfaktorielle Varianzanalyse). Etwaige „Messfehler“ hätten sich sozusagen „herausgemittelt“ (klassische Testtheorie). Finden sich signifikante Unter­schiede, müssen diese genauer analysiert werden (Post-hoc-Tests). Immerhin ist es dann noch möglich, ein Intervall anzugeben. Je geringer die Abweichungen sind, desto größer ist die Reliabilität der Messung. Die Validität ist augenscheinlich ge­geben. Neben den Einschätzungen der Zielerreichung sind auch eine Analyse der fachlichen Zielqualität sowie abschließende Urteile bei Maßnahmeende (Gesamtzielerreichung) sinnvoll (dreidimensionale Evaluation).

Jeder Fall ist anders und hat seinen ganz besonderen Bedarf, der in den jeweiligen Zielkonstellationen beschrieben werden kann. Als positive künftige Zustände spielen individuelle Ziele im Rahmen des Hilfeplan­verfahrens eine zentrale Rolle und in theoretischen Konzepten der „Sozialraumorientierung“ fungieren sie sogar als Dreh- und Angel­punkt des fachlichen Handelns. In gewisser Weise stellen Ziele eine Art „psychischen Fingerabdruck“ dar, eine individuelle Bezugsnorm, anhand derer Wirkung einschätzbar wird, und zwar die gewollte oder auch intendierte. Schließlich sollte die Hilfe dort ansetzen, wo sie wirklich gebraucht wird, und Neben­wirkungen, die zu Recht keinen guten Ruf genießen, nach Kräften vermeiden.

Einerseits haben Ziele höchst spezifische, qualitative Inhalte, andererseits lässt sich überprüfen, wie viele davon bis zu welchem Grad erreicht wurden, eine quantitative Aussage, die bezogen auf mehrere Fälle summiert und gemittelt werden kann. Hierbei handelt es sich um einen Evaluationsansatz mit Tradition, z.B. in der klinischen Psychologie („Goal Attainment Scaling“). Um die Übertragung auf die Kinder- und Jugendhilfe fachlich nachvollziehen zu können, ist es wichtig, sich auf folgende Hypothesen einzulassen, die den Zusammenhang zwischen dem durchschnittlichem Zieler­reichungsgrad (kurz: Zielerreichung) einer Einrichtung oder sonstigen Untersuchungseinheit und deren Wirksamkeit beschreiben:

(1)   Zwischen der Zielerreichung und der Wirksamkeit besteht ein kausaler Zusammenhang.
(2)   Beides, Zielerreichung und Wirksamkeit, wird auch durch andere Faktoren beeinflusst.
(3)   Die Stärke all dieser Zusammenhänge ist unbekannt.
(4)   Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Zusammenhang (1) am größten, weshalb die Zielerreichung den besten Schätzer für den Wert der Wirksamkeit darstellt (z.B. besser als schulische Leistungen oder Delinquenz).
(5)   Mit Hilfe der Zielerreichung können die Größe der anderen Einflüsse bestimmt und Wirkfaktoren erforscht werden.

Ein Zielwinkel kann allerdings nur dann als Ausgangspunkt für fachliche Erwägungen dienen, wenn die Hilfeplanziele, auf denen er beruht, bestimmte Kriterien erfüllen. So dürfen sie keinesfalls zu unspezifisch, banal oder unerreichbar sein, sondern müssen von Fall zu Fall das jeweils optimale und realistische Entwicklungsniveau anpeilen, vergleichbar mit Hochspringern, die sich ihren Möglich­keiten entsprechende Höhen auflegen lassen. Brauchbare Ziele (SMART) finden sich immer dann , wenn die Kooperation zwischen den Betroffenen und den Fachkräften in diesem Sinne gestaltet wird. Sie sind es, die im Hilfeplan zusammen­sitzen, den Verlauf der Maßnahme bestimmen und für Qualität sorgen. Gute Ziele geben eine Rich­tung vor, anhand derer das pro­fessionelle Hand­eln bewertet werden kann. Allerdings ist es mitunter harte Arbeit, sie zu finden und festzulegen, laut Goethe aber lohnend:
„Sobald der Geist auf ein Ziel ausgerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen.“

Dargestellt werden die Ergebnisse im des Zielwinkelverfahrens anhand von aussagekräftigen Tabellen, Winkelgrafiken oder Histogrammen. Hierfür nachfolgend ein paar Beispiele:

 

Abbildung 1. Beispiel für eine Winkelgrafik

 

 

Abbildung 2. Beispiel für Häufigkeiten

 

 

Abbildung 3. Beispiel für vergleichende Analysen

 

Literatur
Hinte, W. & Richardt, V. (2013). Ziele gut, alles gut. Zielqualität in der Jugendhilfe. Nachrichtendienst des Deutschen Vereins (NDV), 93, 119-125.
Punkenhofer, S. & Richardt, V. (2013). Sozialraumorientierung im Praxistest – Effekte und Implikationen des Grazer Pilotprojekts. SiO/Sozialarbeit in Österreich, 3, 55-58.
Richardt, V. (2011). Die Welt der Wirkung: Qualitative und quantitative Zielerreichung in den Erziehungshilfen. In N. Eppler, I. Miethe & A. Schneider (Hrsg.), Quantitative und Qualitative Wirkungsforschung. Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit, Band 2 (S. 125 – 144). Opladen: Budrich.
Richardt, V. (2010). Praxis in Zahlen: Ergebnisse und Konsequenzen von Evaluation in der Erziehungshilfe. Nachrichtendienst des Deutschen Vereins (NDV), 90, 131-136.
Richardt, V. (2009). Zielwinkel: Ausmaß intendierter Wirkung. Jugendhilfe, 47, 192-196.
Richardt, V. (2008). Ziel im Winkel – Evaluation in der Jugendhilfe. neue praxis, 38, 325-335.

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